AMERIKAs GEBURTSURKUNDE
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USA US-Präsidenten Hawaii US-Wahl 2000
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Die Waldseemüller-Karte (Foto Berschin)
 
Ein Fürst verkauft Amerikas "Geburtsurkunde"
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Eines der berühmtesten deutschen Kulturgüter ist jetzt in der Kongressbibliothek
Von Leo Wieland
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WASHINGTON, 20. Juli 2001: Amerikas "Geburtsurkunde", eines der berühmtesten deutschen Kulturgüter, ist jetzt mit einer Sonderausfuhrgenehmigung der Bundesregierung zum Verkauf an die Washingtoner Kongressbibliothek in die Vereinigten Staaten gebracht worden. Die im Jahr 1507 gefertigte Weltkarte des Kartographen Martin Waldseemüller aus Freiburg im Breisgau enthält zum ersten Mal die Bezeichnung America für den erst fünfzehn Jahre davor von Christoph Kolumbus entdeckten Kontinent. Der Besitzer, Fürst Johannes zu Waldburg-Wolfegg, soll als Kaufpreis dafür zehn Millionen Dollar verlangt haben. Auf Anfrage dieser Zeitung bestätigte er nur den Transfer am 27. Juni 2001.

Die Kongressbibliothek, die mit fast fünf Millionen Einzelstücken über die international wohl grösste kartographische Sammlung verfügt, war an diesem jahrhundertelang verschollenen Kronjuwel, welches der Neuen Welt ihren Namen gab, interessiert, seit es zu Beginn des vorigen Jahrhunderts von einem Jesuitenpater auf Schloss Wolfegg in Oberschwaben gefunden wurde. Der Erwerb der Karte durch die amerikanische Bibliothek, der von seinen Förderern als "Symbol der deutsch-amerikanischen Freundschaft" gedacht war, zog sich jedoch wegen der schwierigen Ausfuhrgenehmigung nach dem Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung sowie der ungesicherten Finanzierung in die Länge. Bis zum Freitag war noch unklar, ob die Kongressbibliothek, die sich dazu auf Anfrage zunächst nicht äusserte, den Kaufpreis schon aufgebracht hat.

Die Verhandlungen über das Objekt Nr. 01301 auf der deutschen Kulturgüterliste reichen bis in die Amtszeit (1982-1998) von Bundeskanzler Helmut Kohl (*1930) zurück, als schon vergebliche Versuche unternommen wurden, deutsche Sponsoren für das Projekt zu finden. Auch Bemühungen der Kongressbibliothek, bei amerikanischen Industriellen Unterstützung für den Erwerb eines Dokuments zu finden, welches nach der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung mit an der Spitze historisch signifikanter Originale stehen dürfte, waren ursprünglich nicht erfolgreich. Im vorigen Jahr erhielt die mit der Büchersammlung des dritten Präsidenten Thomas Jefferson begründete Bibliothek eine Spende des deutschstämmigen amerikanischen Industriellen und Philanthropen John Kluge in Höhe von sechzig Millionen Dollar. Diese Mittel sollen indes hauptsächlich für Forschungszwecke an die Einrichtung von Lehrstühlen und Wissenschaftlerstipendien gebunden sein.

Fürst Johannes zu Waldburg-Wolfegg verband mit seiner Offerte an die Kongressbibliothek offenbar den Wunsch, dass die Karte an einer möglichst prominenten Stelle zugänglich werden solle.

Er wollte wohl verhindern, dass das Werk - es setzt sich aus zwölf Holzschnitt-Tafeln zusammen und misst fast drei Quadratmeter - im Panzerschrank eines privaten Sammlers verschwindet.

Mit Einverständnis von Bundeskanzler Schröder gab schliesslich der damalige Staatsminister für Kultur, Naumann, ein Förderer des Projekts, die Ausfuhrerlaubnis. Ein Vertreter des Fürsten soll in der vorigen Woche in Berlin die letzten rechtlichen Schritte abgewickelt haben. Das Bundeskanzleramt und die Kongressbibliothek, die den Transfer vertraulich behandelten, suchen dem Vernehmen nach noch nach einem passenden Anlass, etwa einem Besuch von Bundespräsident Rau oder von Schröder in der amerikanischen Hauptstadt, um die Waldseemüller-Karte mit freundschaftlicher Geste gemeinsam zu präsentieren.

In Deutschland gab es hingegen auch Kritik an einem Verkauf des einzigartigen Stücks - die Auftragsarbeit zur Aktualisierung von Ptolemäus' Weltatlas aus dem zweiten Jahrhundert war in der lothringischen Stadt St.-Dié gedruckt worden - ins Ausland. So bat der Stuttgarter Rechtsanwalt Otto Clausnizer, der sich mit dem Werk Waldseemüllers beschäftigt hat, Staatsminister Naumann noch im vorigen Jahr, alles zu unternehmen, um das Kulturgut in Deutschland zu behalten. Er argumentierte, dass eine Weitergabe ein unersetzlicher und nicht zu rechtfertigender Verlust wäre.

Waldseemüller, der sich anscheinend nicht ganz sicher war, wem das grössere Verdienst an der Entdeckung der Neuen Welt zukam - Kolumbus oder dem Florentiner Kaufmann Amerigo Vespucci -, entschied sich für Vespucci und trug auf seiner Karte, die zum ersten Mal auch zwei Ozeane zeigt, die Bezeichnung America in den südlichen Teil des Doppelkontinents zwischen dem heutigen Brasilien und Argentinien ein. Nordamerika firmiert im Erklärungsteil noch als Terra Ulteri Incognita. In der Sammlung des Fürsten ist mit der Weltkarte noch eine ebenfalls mehrteilige seltene Seekarte (Carta Marina) mit Aufzeichnungen nautischer Routen verbunden, die von den europäischen Entdeckern zunächst geheim gehalten worden waren. Der Preis dafür soll vier Millionen Dollar betragen. Noch ist offenbar nicht gesichert, ob die Kongressbibliothek auch für diesen Teil die gewünschte Summe aufbringen kann oder ob die Sammlung eventuell getrennt werden muss.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2001, Nr. 167 / Seite 1

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ANMERKUNG

Diese obige America-Karte ist nicht mit der Vinnland-Karte von 1440, die 1958 erstmals aufgetaucht war, zu verwechseln.

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